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Haben die Vorstände der Automobilindustrie noch die richtigen Antworten?

Dirk Heyer
09.07.2026
Automobilindustrie

Die größte Herausforderung der Automobilindustrie könnte nicht die Elektromobilität, China oder künstliche Intelligenz sein.

Vielleicht liegt sie in den Führungsmodellen, mit denen Unternehmen versuchen, die Zukunft zu gestalten.

Ein Beitrag über Management, Lernfähigkeit und die Frage, ob die Antworten von gestern noch für die Probleme von morgen ausreichen.

Haben die Vorstände der Automobilindustrie noch die richtigen Antworten?

Die deutsche Automobilindustrie steht nicht vor einer gewöhnlichen Krise.

Sie steht vor einer Systemfrage.

Elektromobilität, Software, Batteriekompetenz, künstliche Intelligenz, neue Wettbewerber aus China und geopolitische Unsicherheiten verändern nicht nur Produkte – sie verändern die Spielregeln einer ganzen Branche.

Und genau deshalb reicht es nicht mehr, bewährte Managementmodelle lediglich mit neuen Begriffen zu versehen.

Die entscheidende Frage lautet:

Kann ein Führungsmodell, das für Stabilität, Skalierung und Effizienz entwickelt wurde, eine Branche erfolgreich durch eine Phase radikaler Unsicherheit führen?

Erfolgreiche Konzepte – aber reichen sie noch aus?

Viele Topmanager der Automobilindustrie werden bis heute für Erfolge gefeiert, die unter völlig anderen Rahmenbedingungen entstanden sind.

Sie haben Werke optimiert.
Sie haben Plattformen skaliert.
Sie haben Lieferketten perfektioniert.
Sie haben Einkaufsmacht aufgebaut.
Sie haben Produktionssysteme effizienter gemacht.
Sie haben Verbrennungsmotoren kontinuierlich verbessert.

Das waren beeindruckende Leistungen.

Doch die entscheidende Frage lautet heute nicht, ob diese Erfolge damals berechtigt waren.

Die entscheidende Frage lautet:

Haben diese Erfolge noch ausreichend Aussagekraft für die Herausforderungen von heute?

“The greatest danger in times of turbulence is not the turbulence itself, but to act with yesterday’s logic.”

Peter F. Drucker

Das eigentliche Problem könnte woanders liegen

Ein Manager, der gestern mit Effizienz, Kontrolle und Kostenprogrammen erfolgreich war, ist nicht automatisch der richtige Architekt für die Zukunft.

Denn die Spielregeln haben sich verändert.

Gefragt sind heute Lernfähigkeit, Geschwindigkeit, Softwarekompetenz, Innovationskraft und die Fähigkeit, Organisationen permanent anzupassen.

Vielleicht liegt genau hier die eigentliche Herausforderung.

Die deutsche Automobilindustrie versucht häufig, neue Probleme mit den Werkzeugen der Vergangenheit zu lösen:

• mehr Programme
• mehr Zentralisierung
• mehr Effizienzinitiativen
• mehr Restrukturierung
• mehr Kontrolle

Doch Transformation entsteht nicht durch mehr Managementrhetorik.

Transformation entsteht, wenn Organisationen beginnen, anders zu denken, anders zu entscheiden und anders zu lernen.

“At first, break all the rules.”

Jack Welch

Eine unbequeme Erkenntnis

Die größte Herausforderung der Automobilindustrie könnte nicht die Technologie sein.

Sondern die Frage, ob die heutigen Führungsmodelle überhaupt noch zu einer Welt passen, die von Unsicherheit, Komplexität und permanentem Wandel geprägt ist.

Warum Karl Popper und Peter Drucker heute aktueller denn je sind

Die Frage, ob einige wenige Menschen an der Spitze komplexer Organisationen alle richtigen Antworten haben können, ist keineswegs neu.

Karl Popper warnte bereits vor dem Glauben an große Masterpläne und endgültige Wahrheiten.

Seine zentrale Erkenntnis:

Fortschritt entsteht nicht durch perfekte Planung. Fortschritt entsteht durch Versuch, Irrtum und die Fähigkeit, Fehler frühzeitig zu erkennen und zu korrigieren.

Organisationen, die Kritik unterdrücken oder Fehler nicht zulassen, verlieren ihre wichtigste Zukunftskompetenz: ihre Lernfähigkeit.

Peter Drucker formulierte dieselbe Herausforderung aus Managementsicht.

Sein berühmter Satz bringt die Situation der europäischen Automobilindustrie bis heute auf den Punkt.

“The greatest danger in times of turbulence is not the turbulence itself, but to act with yesterday’s logic.”

Peter F. Drucker

Die wichtigste Ressource sitzt oft nicht im Vorstand

Wenn Drucker recht hat, ergibt sich daraus eine unbequeme Konsequenz.

Die Menschen mit dem entscheidenden Wissen sitzen häufig nicht in den Vorstandsetagen.

Sie arbeiten in Entwicklungsteams.
In der Produktion.
Im Vertrieb.
Im Einkauf.
In Projekten.
In den Werken.
Oder an den Schnittstellen zum Kunden.

Wenn das stimmt, dann lautet die entscheidende Führungsfrage nicht:

„Wie kontrollieren wir die Organisation?“

Sondern:

„Wie schaffen wir Bedingungen, unter denen die Intelligenz der gesamten Organisation wirksam werden kann?“

Der entscheidende Perspektivwechsel

Die Zukunft gehört nicht zwangsläufig den Unternehmen mit den größten Zentralen.

Sie gehört den Organisationen, die schneller lernen, Wissen besser nutzen und Verantwortung auf viele Schultern verteilen.

Erfolgreiche Organisationen zeigen seit Jahren neue Wege

Andere Organisationen zeigen seit Jahren, dass erfolgreiche Führung nicht zwangsläufig auf immer mehr Hierarchie und Kontrolle angewiesen ist.

Toyota hat mit seinem Produktionssystem nicht deshalb Maßstäbe gesetzt, weil der Vorstand jede Antwort kannte.

Sondern weil kontinuierliches Lernen, Problemlösung und Verbesserung Teil der täglichen Arbeit wurden.

Mitarbeitende wurden nicht als reine Ausführende verstanden, sondern als Mitgestalter.

Auch Haier hat mit seinem Organisationsmodell RenDanHeYi klassische Hierarchien aufgebrochen und kleine unternehmerische Einheiten geschaffen, die näher am Kunden und näher an der Realität arbeiten.

Buurtzorg in den Niederlanden zeigt seit Jahren, dass selbst große Organisationen mit weitgehend selbstorganisierten Teams außerordentlich erfolgreich sein können.

Diese Beispiele lassen sich nicht eins zu eins auf die Automobilindustrie übertragen.

Aber sie zeigen etwas Entscheidendes:

Es gibt Alternativen zum klassischen Steuerungsmodell.

Gemeinsamer Nenner

Alle erfolgreichen Beispiele verbindet eine gemeinsame Idee:

Nicht mehr Kontrolle schafft bessere Organisationen.

Sondern mehr Verantwortung, mehr Lernfähigkeit und mehr Vertrauen in die Kompetenz der Menschen.

Weniger Kontrollarchitektur. Mehr Lernarchitektur.

Vielleicht besteht die größte Herausforderung der Automobilindustrie nicht darin, die richtige Technologie zu finden.

Vielleicht besteht sie darin, die richtige Form von Führung zu entwickeln.

Weniger Kontrollarchitektur.

Mehr Lernarchitektur.

Weniger Hierarchie.

Mehr Verantwortung.

Weniger Absicherung der Vergangenheit.

Mehr Experimentierfähigkeit.

Weniger Heldenerzählungen über frühere Erfolge.

Mehr Demut gegenüber einer Welt, die sich schneller verändert als je zuvor.

Die eigentliche Frage bleibt

Die Automobilindustrie braucht keine nostalgische Erinnerung an ihre goldenen Jahre.

Sie braucht eine neue Form von Führung.

Eine Führung, die nicht glaubt, Komplexität vollständig kontrollieren zu können.

Sondern eine Führung, die Organisationen befähigt, mit Unsicherheit intelligent umzugehen.

Und genau hier beginnt die Verantwortung aller Beteiligten.

Nicht nur der Vorstände.

Sondern auch der Führungskräfte der zweiten Ebene, der Expertinnen und Experten in den Fachbereichen, der Betriebsräte und der Mitarbeitenden.

Denn wer erkennt, dass Entscheidungen in die falsche Richtung führen, trägt ebenfalls Verantwortung.

Schweigen ist bequem.

Aber Schweigen schützt keine Arbeitsplätze.

Diskutieren Sie mit.

Haben die Vorstände der Automobilindustrie noch die richtigen Antworten?

Oder ist der Zeitpunkt gekommen, Führung grundlegend neu zu denken?

Ich freue mich auf Ihre Perspektiven und eine sachliche Diskussion in den Kommentaren.

DR. ANSARI
& ASSOCIATES

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